angst bei hundenHunde empfinden ihr Umfeld mit den beiden Hauptgefühlen Angst und Liebe. Aber manchmal wird Angst übermächtig. Dann braucht ein betroffener Hund den Mut des Hundebesitzers, um wieder zurück zur emotionalen Balance zu finden. Nicht jede Form von Angst bei Hunden führt gleich zu Verhaltensstörungen. Doch die Erkenntnis dieses Zustandes bremst eine Angstverstärkung rechtzeitig und verwandelt Angst in Gelassenheit.

Wodurch sich Angst und Stress bei Hunden unterscheiden

Stress bei Hunden ist ein vorübergehendes Empfinden, eine spontane Ausdrucksform von Angst.

  • Stark belebte Fußgängerzonen,
  • Gassi entlang dicht befahrener Straßen,
  • fremde Besucher oder
  • plötzliche, unbekannte Situationen

können dazu führen. Angst aus Stress lässt sich mit Hilfe des Hundebesitzers deutlich schneller bewältigen als Angst aus anderen Gründen. Denn Angst hat eher diffuse „Gesichter“. Ob sie den Hund dominiert oder nur vorübergehend dominiert, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

  • Traumata,
  • Erfahrung,
  • mangelnde Sozialisierung oder
  • ein grundsätzlich schutzbedürftiger Charakter

sind die hauptsächlichen Auslöser für Angst. Aber jeder Grund für Angst lässt sich durch Zuspruch und Training zu einem vorübergehenden Stressempfinden minimieren. Nur wenige Angstauslöser bleiben lebenslang ein Handicap für betroffene Hunde.

Doch auch diese Vierbeiner lernen im sicheren Umfeld ihres aufmerksamen Menschenrudels, das sonst typische Angstverhalten höchstens passiv anzuzeigen und rasch zu überwinden. Die Arbeit mit der Angst von Hunden bleibt dennoch für jeden Hundebesitzer eine lebenslange Aufgabe als „Rudelchef“.

Angstempfinden und Angstverstärker

In ihrer natürlichen Ausprägung sichert Angst das Überleben eines Hundes. Doch in der Verstärkung durch Erfahrung, Charakter oder Trauma kann sie durch instinktives Verhalten eben dieses Überlebensbedürfnis komplett überdecken. Darum ist es für Hundebesitzer wichtig, Anzeichen von Angst zu erkennen und sofort gegenzulenken. Angstempfinden hemmt den Hund. Er

  • zögert bei einer Begrüßung,
  • flüchtet vor neuen Reizen oder
  • wird sogar aggressiv bis bissig,

falls er sich in einer Situation eingeengt fühlt.

Ein Beispiel für fatale Angstverstärker:

Rottweiler Nero hört Sirenen – ein Geräusch, das Hundeohren generell nicht mögen. Er stoppt beim Spaziergang, um in Wolfsgeheul zu verfallen. Dabei stolpert ein Passant über das plötzliche Hindernis. Nero fühlt sich angegriffen, nicht speziell vom Passanten.

Er verbindet das Sirenengeräusch mit dem Rempler. Entweder wird er sofort aggressiv dem Angstempfinden begegnen. Oder er verharrt dieses Mal passiv, reagiert aber auf das nächste Sirenengeräusch vorsichtshalber mit Knurren und Stoppen.

Welpen in sicherer Umgebung neigen eher zu unbestimmtem Angstempfinden. Sofern ihre Welpenzeit behütet verläuft, kann hiergegen jederzeit mit sofortiger Desensibilisierung gearbeitet werden.

  • Fluchtmöglichkeiten schaffen,
  • den Hund nicht überfordern und
  • ihn täglich neu zur Neugier statt Angst ermutigen

Damit wachsen auch von Natur aus ängstliche Hunde zu gelassenen, vertrauensvollen Begleitern auf. Anders ist dies bei erwachsenen Hunden aus privater Haltung oder Tierheimen. Sie reagieren aus Erfahrung, möglicherweise aus Verlusterlebnissen oder früheren Traumata teilweise sehr extrem.

Nahezu alles kann sie ängstigen, und fast jede Wiederholung der Erfahrung wirkt als riskanter Angstverstärker. Doch auch hier lindern geduldiges Training und ein angstgerechtes Zuhause die schlimmsten Angstfolgen. Die Hunde werden nie so selbstsicher wie wohl erzogene Welpen. Aber sie erarbeiten sich in kleinen Schritten die schönen Dinge im neuen Leben. Dadurch lässt sich das Angstempfinden zumindest zeitweise liebevoll überlagern.

Angst und Abstufungen

Ein allgemein ängstlicher Zustand ohne akute Angststeigerung kann Hunde dennoch in ihren Aktivitäten dauerhaft einschränken. Dagegen bleibt das Angstempfinden in anderen Abstufungen leicht genug, um darauf mit Neugier oder der „sizilianischen Verteidigung“ (bei Gefahr Angriff statt Flucht) zu reagieren.

Durch Beobachtung können Hundebesitzer herausfinden, welche Angststufe gerade beim Hund vorherrscht. Dies erleichtert eine entspannende Reaktion und langfristig ein gezieltes Training für mehr Lebensmut und somit Lebensfreude.

Ängstlichkeit – Charakterzug und lebenslanges Handicap

Ängstlichkeit lässt sich in ihrer diffusen Abstufung mit dem bangen Gang eines Menschen durch ein unbekanntes Labyrinth vergleichen. Betroffene Hunde empfinden ihr Umfeld als potenziell gefährlich. Sie reagieren auf leiseste Geräusche, neue Gerüche oder optische Reize überempfindlich. Körperlich kann dieser ständige Angstzustand zu starkem Speichelfluss und Verdauungsstörungen wie Durchfall oder Erbrechen führen.

Aggressivität bricht ohne Vorwarnung aus, wenn der Druck der Ängstlichkeit gerade übersteigert auftritt. Beißen ist die schlimmste Auswirkung von Ängstlichkeit. Ängstliche Hunde neigen außerdem dazu,

  • viel und oft zu trinken,
  • Gras zu beißen (Beißen bis in die Grasnarbe),
  • die Pfoten wund zu lecken oder
  • sich sehr eng an ihren Hundebesitzer zu klammern.

Therapeutisch hilft nur Desensibilisierung dabei, die Ängstlichkeit zu überwinden. So kann aus der schlimmen, ständigen Vorahnung dieser Hunde bessere Gelassenheit werden. Die betroffenen Tiere sollten beinahe täglich, aber sanft, neue Reize kennenlernen.

Treppen, Wasser, Menschen, Verkehr – fast immer führt eine schlechte Sozialisierung während der Welpenzeit zu Ängstlichkeit. Auch eine behütete Aufzuchtzeit beim Züchter mit zu wenigen Schlüsselreizen kann Hunde ängstlich statt gelassen machen.

Furcht – schrecklich für Sekunden, aber nicht dramatisch

Viele Hundebesitzer kennen wahrscheinlich diese vermeintlich drollige Reaktion ihres Hundes auf neue Reize: Der Nachbar hat eine bislang unbekannte Dekoration im Vorgarten aufgestellt. Diese wird vom Hund zuerst angeknurrt, manchmal angejault, schließlich aggressiv „gestellt“, bestenfalls gleich anschließend neugierig beschnuppert.

Das Gute an Furcht ist ihr akuter, aber schnell vergänglicher Zustand. Der Hund erschrickt sich, verliert aber nicht die Kontrolle über sein Handeln. Er entscheidet sich zur Flucht oder zum sofortigen Untersuchen des Furchtobjektes. Das können durchaus auch Menschen oder Artgenossen sein.

Trotz des insgesamt kurzfristigen Auftretens von Furcht sollten Hundebesitzer in der entscheidenden Sekunde gut auf ihren Hund achten. Denn eine Übersprungshandlung – auch mit einem Beißrisiko – kann gelegentlich an Stelle des Flucht- oder Neugierverhaltens auftreten.

Furcht in unvermeidlichen Schlüsselsituationen:

  • Silvesterknaller – hier sollten Hunde besonders gut und nur im Innern der Wohnung betreut werden
  • Sirenengeheul – daran gewöhnen sich Hunde, wenn der Hundebesitzer durch eigene Körpersprache Gelassenheit anzeigt
  • Intensive Verkehrsgeräusche – hier sollte der Furcht nur entgegengewirkt werden, wenn es gar keine anderen Spazierwege vor Ort gibt. Ansonsten schadet der Verkehrslärm dem empfindlichen Gehör nur.
  • Plätze mit Menschenmassen – Je öfter der Hund die Erfahrung macht, dass trotz des Getümmels nichts geschieht, desto seltener zeigt er Anzeichen von Furcht. Jeder Hund sollte wenigstens gelegentlich für solche Situationen desensibilisiert werden.

Angst mit gefährlichen Risiken für Hund und Mensch

Konkrete Angst bei Hunden muss zügig therapiert werden. Ansonsten kann es zu einer Angststarre und Phobie kommen, die für Hundebesitzer riskant und für betroffene Hunde eine auch körperliche Belastung ist. Hunde in Angst

  • sind verzweifelt,
  • finden keinen Ausweg aus der Situation,
  • erstarren förmlich und
  • können sogar wegen der körperlichen Anspannung ohnmächtig werden.

Eigentlich ist das Objekt solcher Angst nicht wirklich gefährlich. Der Hund ordnet dies aber sekundenschnell als tödliche Bedrohung ein. Hundebesitzer sollten beruhigend auf den Hund einwirken, sobald solche körperlichen Symptome auftreten:

  • Starkes Hecheln trotz moderater Umgebungstemperaturen
  • Erhöhter Speichelfluss und auffallend starkes Schwitzen an den Pfoten
  • Rascher, harter Herzschlag
  • Spontanes Entleeren der Analbeutel
  • Harn- und Kotabsatz trotz kürzlich zurückliegendem Gassigang

Angst steigert sich teilweise aus Erfahrung, ist aber auch charakterlich bedingt. Kleine, scheue Begleithunde neigen eher zu Phobien als selbstbewusste Herdenschutz-, Dienst- oder Wachhunde. Dennoch kann durch Auswahl einer entsprechenden Rasse eine Angstentwicklung nicht ausgeschlossen werden.

Der Zuspruch der Hundebesitzer und deren eigenes, mutiges und gelassenes Verhalten helfen den Hunden dabei, nicht in die Angststarre mit allen körperlichen Risiken für sich selbst und das Umfeld zu verfallen.

Diffuse Angstphänomene beim Hund und individuelles Reagieren des Menschen

Je konkreter sich Angst beim Hund zeigt, umso leichter kann der Mensch durch sein eigenes Verhalten zur Deeskalation der Situation beitragen. Diffuse Angstphänomene dagegen brauchen viel Zuwendung, um den lähmenden Zustand zu lindern. Vorteilhaft ist es, wenn außer dem Hundebesitzer alle Familienmitglieder und befreundete Menschen auf mutiges, gelassenes Verhalten geschult werden.

Denn je sicherer der ängstliche Hund sein Umfeld erlebt, umso stärker entwickelt er Neugier auf unbekannte Reize. Jedoch braucht ein charakterlich ängstlicher Hund lebenslang diesen Zuspruch durch die menschliche Körpersprache. Nur so baut sich allmählich das nötige Vertrauen auf.

Sonderstatus Angst: Hunde unter Deprivation

Das Deprivationssyndrom ist eine der schlimmsten Angstformen für Hunde. Betroffene Tiere lernen das Leben mit allen Reizen oft erst im Erwachsenenalter kennen. Doch nicht jeder Hund mit dieser Angststörung ist traumatisiert. Gutgemeinte Isolation im Welpenalter kann Deprivation ebenso auslösen. Fördernde Haltungsbedingungen dafür sind:

  • Äußerst hygienische Haltung mit wenigen oder keinen hundgerechten Beschäftigungsmöglichkeiten
  • Hunde aus langer, isolierter Zwingerhaltung ohne besondere Gassireize
  • Hunde aus Gartenhaltung (oft die Hunde von selbst isoliert lebenden Besitzern)
  • Hunde nach langer, reizarmer Tierheimhaltung

Hundebesitzer solcher Tiere müssen mit einem mangelhaften Lernvermögen aufgrund des dominierenden Angstempfindens rechnen. Lebenslang erfordert der Umgang mit diesen Hunden vorsichtiges Heranführen an neue Dinge, jederzeit Verständnis und Geduld. Gelingt es den Hundebesitzern, das Deprivationssyndrom zu lindern, haben sie dafür aber besonders anhängliche und dankbare Hunde.

Fazit

„Angst essen Seele auf“ gilt auch für betroffene Hunde. Dabei gibt es viele Abstufungen von Angst, die zu körperlichen Reaktionen und emotionalen Einschränkungen führen können. Geduld, Verständnis und desensibilisierendes Training unterstützen die Hunde dabei, mehr Lebensfreude zu entwickeln.In der Hundeerziehung sollte man deshalb stets geduldig und behutsam sein.